Die Weißbeerige Mistel gehört zur Familie der Sandelholzgewächse. In Deutschland kommt sie mit drei Unterarten vor: die Laubholz-Mistel (Viscum album ssp. album), die Tannen-Mistel (Viscum album ssp. abietis) und die Kiefern-Mistel (Viscum album ssp. austriacum). Der Name Viscum bedeutet Mistel oder Vogelleim. Die Römer stellten aus den Beeren Vogelleim her. Diese drei Unterarten unterscheiden sich durch ihre Vorliebe der Wirtspflanzen, dies zeigt sich bereits im jeweiligen Artnamen. Für den Streuobstanbau ist die Laubholz-Mistel bedeutsam.

Aussehen und Lebensweise der Laubholz-Mistel

Die Laubholz-Mistel ist ein immergrüner, gelbgrüner Strauch mit kugeliger Krone mit bis zu einem Meter Durchmesser in den Kronen ihrer Wirtspflanze. Die Sprosse sind gabelig verzweigt, wobei jährlich stets eine neue Gabelung hinzu kommt. An deren Enden sitzen gegenständig ungestielte ledrige Laubblätter, die mehrjährig sein können.

Eine Besonderheit ist die Zweihäusigkeit: es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Die Blüten werden im Frühsommer angelegt und öffnen sich Ende Februar bis Mai als kleine, eher unscheinbare gelbgrüne Blüten. Sie enthalten Nektar, welcher einen feinen Orangenduft verströmt. Die Bestäubung erfolgt durch Insekten wie Ameisen, Fliegen, Mücken und gelegentlich Bienen.

Im Herbst erscheinen die Früchte als glasige, fleischige und klebrig weiße bis gelbliche Scheinbeeren. Im einzelnen Samen bilden sich bis zu drei, sehr selten vier grüne Embryonen aus.

Sie wächst bevorzugt auf Apfelbäumen, Pappeln, Linden, Weiden, Birken und Ahorn. Während die heimischen Eichenarten, Rotbuche, Kirsch- und Pflaumenbäume sowie Walnüsse von ihr meist verschont bleiben.

Halbschmarotzer oder Hemiparasiten

Misteln sind Halbschmarotzer oder Hemiparasiten: Sie betreiben eigenständig Photosynthese, bilden jedoch keine eigenen Wurzeln aus und beziehen durch den direkten Anschluss an die Wasserleitungsbahnen des Wirtes Wasser und darin gelöste Nährsalze. Die Misteln sind so genannte Lichtkeimer, das heißt sie benötigen zur Keimung Licht sowie ebenso Luftfeuchtigkeit und Wärme. Als Erstes wächst aus dem Samen die Keimwurzel. Diese schmiegt sich eng an die Wirtsrinde, löst diese durch Enzyme auf und durch intensive Zellteilung bildet sich aus der Saugscheibe ein Keil aus, der in das Wirtsgehölz vordringt. Die Haustorien – das sind umgewandelte Saugwurzeln – werden in das Splintholz des Wirtsbaumes getrieben, verankern sich dort durch Wurzeltriebe – so genannte Senker – im Holz und zapfen über diese ihren Wirt an. Der Prozess der Keimung dauert ungefähr ein Jahr. Daraufhin entfalten sich gut sichtbar die ersten beiden Keimblätter. Die Mistel ist angedockt.

Verbreitung der Samen

Die Verbreitung der Samen erfolgt hauptsächlich durch Vögel auf zweierlei Wege: Die Misteldrossel, die Mönchsgrasmücke, die Wacholderdrossel und der Seidenschwanz verschlucken die Früchte im Ganzen. Die Misteldrossel kann beispielsweise etwa sechs bis zehn Früchte pro Mahlzeit verspeisen. Die Darmpassage ist dabei kurz und die Samenanlage nach der Ausscheidung im Kot immer noch klebrig genug, um an einem Ast festzukleben.

Andere Vögel wiederum fressen nur die Beerenschale und wetzen ihre Schnäbel vom klebrigen Fruchtfleisch am Holz sauber, sodass die kleinen Samen an die Zweige von Bäumen geklebt werden.

Die Misteln ernähren im Winter mindestens 27 verschiedenste Vogelarten (laut Untersuchungen des NABU in Berlin und Brandenburg). Rast- und Schlafplätze der Stand- und Zugvögel zeigen häufig sehr hohe Misteldichten.

Eine weitere Verbreitungsart ist das „Tropfen“ der Scheinbeeren auf einen unten liegenden Ast desselben Baumes.

Als Lebensalter der Mistel findet man in der Literatur die Zeitangabe 30 bis maximal 70 Jahre.

Gefahr für die Streuobstwiesen

Die Laubholz-Mistel breitet sich in süd- und mitteldeutschen Gegenden stark aus. Als Grund vermuten Experten vor allem die unregelmäßige Pflege von Streuobstbeständen. Zusätzlich können klimatische Veränderungen wie lange Trockenperioden einen Vormarsch der Misteln begünstigen. Gleichzeitig besteht die landläufige Meinung, Misteln seien besonders geschützt und dürften nicht entfernt werden.

Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) regelt in Paragraph 39 den allgemeinen Schutz wildlebender Tiere und Pflanzen: „Es ist verboten, 2. Wild lebende Pflanzen ohne vernünftigen Grund von ihrem Standort zu entnehmen,…“ und „Es ist verboten, 3. Lebensstätten wild lebender Tiere und Pflanzen ohne vernünftigen Grund zu beeinträchtigen oder zu zerstören.“ Zum Schutz der Obstbäume dürfen die Misteln also eingedämmt, jedoch nicht ausgerottet werden. Besteht weiterhin die Absicht, die entfernten Misteln anschließend zu verkaufen, muss die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamtes um Erlaubnis hierzu gefragt werden (Erlaubnisvorbehalt, Paragraph 39, Absatz 4 des BNatSchG).

Die Mistel kann den Ast oder den Baum, auf dem sie lebt, derart schwächen, dass dieser selbst nicht mehr lebensfähig ist und abstirbt.

Häufig kommt es ebenfalls auf Obstplantagen oder Streuobstwiesenbeständen zu Ernteverlusten, wenn der Wirtsbaum nicht genügend Wasser und Nährsalze zur Ausbildung von Früchten hat.

Entfernung von Misteln

Es bietet sich an, die Misteln an betroffenen Bäumen während des jährlichen Pflegeschnittes im Winter oder zeitigem Frühjahr zu entfernen. Während der winterkahlen Zeit sind sie sehr gut im Kronenbereich zu sehen. Um die Misteln effektiv zu beseitigen, muss mindestens 20 bis 50 Zentimeter ins gesunde Holz geschnitten werden. Wenn der Baum noch nicht zu sehr befallen ist, kann den Misteln durch diese Aktion Einhalt geboten werden. Sollten die Leitäste oder der Stamm befallen sein, bleibt nur die Möglichkeit, die Misteln abzubrechen oder sie abzuschneiden. Die Haustorien mit ihrem Mistelsenkergewebe sind zwar immer noch im Baum, zur nächsten Samenproduktion benötigt die Mistel allerdings wieder etwa vier Jahre. In dieser Zeit sind der Baum und dessen Umgebung von fruchtenden Misteln entlastet. Eine jährliche Kontrolle mit regelmäßiger Entfernung der Misteltriebe ist ratsam.

Misteln als Heilpflanze

In Deutschland, Österreich und der Schweiz werden Misteln seit rund hundert Jahren zur Krebstherapie eingesetzt. Die Anwendung stammt aus der anthroposophischen Medizin und wird in Expertenkreisen kritisch gesehen.

Zudem gilt der Tee in Form eines Kaltauszuges als blutdrucksenkendes Mittel, gegen Arteriosklerose und bei Herzschwäche, zur Steigerung der Verdauung, gegen rheumatische Beschwerden, als Nervenstärkung und zur Linderung von typischen Wechseljahrsbeschwerden.

Giftigkeit der Misteln

Alle Organe – bis auf die Beeren – sind gering giftig. Der Blatt- und Stengelsaft kann zu Reizerscheinungen an Haut und Schleimhäuten führen. Nach Verzehr von Blättern und jungen Zweigen ist im Gegensatz zur intravenösen Anwendung von Viscotoxin nicht mit Allgemeinsymptomen zu rechnen. Selten kommt es zu Bauchschmerzen, Durchfall, möglicherweise auch zur Verminderung der Herzfrequenz und Blutdrucksenkung.

Sagen und Legenden um die Misteln

Die Mistel spielt in alten Sagen und Märchen eine große Rolle. Insbesondere wurde sie von den keltischen Völkern als dämonenabwehrende Pflanze und als „Bringerin der Fruchtbarkeit“ verehrt.

Der nordische Gott Baldur, der Gott der Sonne und des Sommers, wurde durch einen Pfeil aus Mistelholz getötet.

Druiden galt dieses besondere Kraut als heilig und sie schnitten es mit goldenen Sicheln aus dem Baum. Die Mistel wurde dabei mit Decken aufgefangen, da sie die Erde nicht berühren durfte. Aus ihr bereiteten sie Zaubertränke, die Krankheiten heilten, Mensch und Tier fruchtbar machten und Kraft und Mut verliehen.

Die Germanen feierten mit ihr die Wintersonnwende und auch heute noch brennt zu Weihnachten in ganz Skandinavien der hölzerne Julbock, dessen angekohlte Reste früher zum Schutz für das Haus aufbewahrt wurden. Das Holz stammt von einem Baum, in dessen Zweigen die Mistel wächst.

Mistelzweige sollen über der Haustür vor Donner, Blitz und Hexen schützen.

Beliebt ist auch der Brauch in England mit dem weihnachtlichen Mistelzweig und dem obligatorischen Kuss. Früher galt es als Heiratsversprechen, wenn ein junger Mann seine Liebste unter dem Mistelzweig küsste. Als heidnisches Kraut darf die Mistel auch heute noch nicht in einer englischen Kirche als Schmuck Verwendung finden.

Literatur und Quellen

AICHELE D., GOLTE-BECHTLE, M.: Was blüht denn da? Wildwachsende Blütenpflanzen Mitteleuropas, KOSMOS Naturführer

BRELOER, H.: Baum- und Gehölzpflege nach dem neuen Bundesnaturschutzgesetz, AFZ-Der Wald, 8/2010, Seite 17

BUND, Kreisgruppe Dingolfing-Landau, Die Mistel, Strauch der Liebenden und Druiden

Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformation, Misteltherapie bei Krebs

Heilkraeuter.de/lexikon/misteln.htm

Heimat-pfalz.de/hans-wagners-naturseite/907-die-mistel-eine-alte-zauber-und-heilpflanze.html

Henriette´s Herbal Hompage, Lehrbuch der Biologischen Heilmittel, Madaus, 1938, Viscum album, Mistel, Loranthaceae

Kelterei Krämer, Mistelbefall von Streuobstbäumen

Landratsamt Rems-Murr-Kreis, Die immergrüne Mistel – Segen oder Plage?

NABU-Bundesfachausschuss Streuobst, Infopapiere, Misteln in Streuobstbeständen

TASPO Baumzeitung 03/2011, Seite 27, Die Mistel: bekämpfen oder schützen?

UKB – Universitätsklinikum Bonn, Zentrum für Kinderheilkunde, Informationszentrale gegen Vergiftungen

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